Harald Lesch über unser absurdes Bildungssystem

Hier der Textbeitrag zum Video (siehe ganz unten):

Interviewer:

Sind Sie auch der Meinung, dass die Naturwissenschaften allgemein im Bildungssystem zu wenig Rolle spielen?

Harald Lesch:

Das Bildungssystem … das ist eine gute Frage. Im Bildungssystem scheint ja vieles keine Rolle mehr zu spielen. Ich bedaure eigentlich im Wesentlichen, dass viel zu wenig Kunst, Musik und Sport unterrichtet wird. Das sind die wesentlichen Fächer in der Schule, die die Kreativität der Kinder so stark beeinflussen wie nichts sonst. Kinder, die sportlich sind, die Musik machen, die Lust haben,  Theater zu spielen, was zu malen, das werden Gehirne sein, die in Zukunft auf Fragen, die noch keiner heute weiß, entsprechend reagieren können.

Stattdessen kerkern wir sie ein,  wir kerkern sie in Vokabeln ein, in irgendwelche mathematischen Übungsaufgaben, die teilweise von einer Perversion sind, das hätte ich gar nicht für möglich gehalten… Wir kerkern sie ein, in allen möglichen Kram. Wir bereiten sie nicht auf das Leben vor.

Wir unterrichten z.B. Mathematik nicht als praktisches Fach. Praktische wäre es, dass die Kinder sofort, so schnell wie möglich, mit Leuten zusammenkommen, die jeden Tag Mathematik um sich herum haben. Grundrechenarten, Prozentrechnung, Dreisatz, Flächenberechnung, ganz einfache Dinge, um zu sehen, wofür braucht man das eigentlich? Und dann unterrichtet man Mathematik richtig: als ganz starkes richtiges Fach! Aber nicht als so ein total abstraktes Zeug mit irgendwelchen Mengen… Davon wird man nie wieder in seinem Leben was hören,  irgendwelche Algebra, die man nie wieder braucht, etc.

Und bei den Naturwissenschaften ist es genauso. Naturwissenschaft ist Empirie. Das sind Erfahrungswissenschaften. Nur was für Erfahrungen machen denn Kinder mit den Naturwissenschaften? Bei der Physik ist es so, es ist ein Anhängsel der Mathematik, d.h. es ist einfach nur ein entzündeter Appendix und er müsste eigentlich weg operiert werden… Da werden dann irgendwelche blödsinnigen Übungsaufgaben gerechnet. Es wird eben nicht Natur erfahren, es wird nicht raus gegangen.

Man müsste ein Fach unterrichten: Natur. Also Biologie, Physik, Chemie, alles zusammen. Fragen stellen: Warum kann ein Baum so groß werden? Wie macht der denn das? Wir gucken mal wie hoch wir eine Wassersäule pumpen können, gegen die Erdschwerkraft. 10 Meter! Ja, aber die Bäume sind 26 Meter hoch, wie kriegen die das Wasser da oben hin? Wieso sind Blätter grün?

Also wirklich raus, raus, raus! Raus und rein und runter und weg und hin und so weiter. Aber stattdessen sitzen die Kinder in den G8 Zuchthäusern und werden da durchgetrieben. Ich finde das aberwitzig. 

Und alle sind mies drauf. Die am Ministerium sind mies drauf, weil sie wissen, sie haben Mist gemacht. Die Lehrer sind mies drauf, weil sie sagen „Verdammt nochmal! Um was soll ich mich denn noch alles kümmern?!“. Die Schüler haben keinen Bock. Die Eltern meistens auch nicht. Das ist so vermasselt, das kann nicht wahr sein.

Man komprimiert Zeit. 

Man versucht es.

Tatsächlich. 

G8, Bachelor und Master sind Zeitkompressionsverfahren.

Obwohl alle wissen, wir werden immer älter. wir werden immer länger arbeiten. Wir schicken die Kinder schon in den Kinderhort, damit sie dort chinesisch und spanisch lernen, damit sie dann im Kindergarten mit englisch und französisch weitermachen können. Damit sie im ersten Schuljahr bereits erste Differentialgleichungen lösen können. Das klingt jetzt sehr übertrieben alles, aber … wir lassen sie nicht mehr spielen. 

Das ist alles total organisiert. Die Kinder gehen in die Kindergärten und die Alten gehen in die Altersheime. D.h. wichtige Zeiten des Werdens und Vergehens finden in dieser Gesellschaft nur am Rand statt. Dazwischen ist der große Block des Konsums, das ist die unmittelbare Gegenwart, vom „Augenblick verweile doch, Du bist so schön“…

Mit dieser Zeitkompressionstechnik beschäftigen wir uns jetzt seit, ja eigentlich seit Ende des zweiten Weltkrieges. „Time is money!“, usw. Die berühmt berüchtigten Geschichten. 

D.h. wir haben nicht nur ein Problem bei den Naturwissenschaften in der Schule. Wir haben ein Problem, weshalb wir als Erwachsene nicht unseren Kindern sagen“ „Bleibt Kinder! Jetzt machen wir erst einmal das.“

Und wir machen kein G8 und G 9, wir machen ein G10. Wir machen ein G11 vielleicht. Weil nämlich alle 16-jährigen, komplett ohne Ausnahme, da darf sich keiner von freischaufeln oder sonst irgendwie, alle machen ein soziales Jahr. Männlein wie Weiblein. Alle.

Und danach gehen sie wieder in die Schule. Dann wissen sie wie es in unserer Republik aussieht, was sie dieser Republik zu verdanken haben, wem sie helfen können. Und danach können sie sich überlegen, ob es nicht vielleicht besser wäre, sie würden tatsächlich einen handwerklichen Beruf tatsächlich. Dieses Land braucht dringend gute Handwerker. Auf allen Ebenen. Wir brauchen nicht mehr so viele Sozialforscher. Da haben wir wirklich schon genug. Wir haben unglaublich viele Geistes- und Sozialwissenschaftler, aber wir haben einfach zu wenig Leute, die Hand anlegen an dieses Land.

Und wir vermasseln es, weil wir eine Überakademisierung erzeugen, die uns teilweise von der OECD noch vorgeschrieben wird. Wir lassen die jungen Leute einfach viel zu sehr im Regen stehen. Mit all unseren voll unausgegorenen Programmen. Da ist die Vernachlässigung von Naturwissenschaften nur eins davon.


Und hier nochmal das komplette Interview: